Genever - Geschichte

Der Franzose hat seinen Kognak, der Schotte seinen Whisky, der Deutsche seinen Schnaps und der Russe seinen Wodka. Und wir? Wir haben Genever. Schon mehr als 500 Jahre.

Genever, eine faszinierende Geschichte


Während seines langen Lebenslaufs hatte der Genever viele Formen: In besseren Zeiten wurde er aus Korn zubereitet, in weniger guten Zeiten aus Melasse. In manchen Gegenden war er frivol parfümiert, in anderen Regionen zurückhaltend neutral. Er kennt Befürworter und Gegner: eine Quelle der Freude, aber auch von großem Ärger. Der Staat hat mit ihm ein Hass-Liebe-Verhältnis: Genever bringt viel Geld ein, aber er richtet auch so manchen zugrunde.

Der Genever ist nicht nur das Nationalgetränk Belgiens, sondern auch das von den Niederlanden und Französisch-Flandern, der „Siebzehn Provinzen“ aus dem 16. Jahrhundert. In jenem Jahrhundert wurde Getreidebranntwein, der mitunter mit Wacholderbeere aromatisiert wurde, in unserer Gegend sehr beliebt.

Eine faszinierende Geschichte!

Das Destillieren war eine Erfindung der Araber. Dieses arabische Wissen verbreitete sich im 14. Jahrhundert über die Universitäten und über die Klöster in ganz Europa.

Ein heilkräftiges Getränk


Heilkräftig
Das Destillat ‘aqua vitae’ oder ‘Lebenswasser’ wurde zunächst als Arzneimittel für die verschiedensten Krankheiten verwendet. Es musste tropfenweise eingenommen werden. Die Heilwirkung konnte noch verstärkt werden, indem darin verschiedene Beeren, Samen und Kräuter eingeweicht wurden.

Auch der Wacholderbeere wurden Heilkräfte zugeschrieben. So wird das Baden in Regenwasser, in dem Wacholderbeeren gekocht wurden, empfohlen, um Hautkrankheiten und Darmerkrankungen zu heilen. Mit dem Rauch brennender Wacholderbeeren und -hölzer wurden Räume entseucht, in denen sich Pestkranke aufgehalten hatten.

Euphorisierend
Außerdem konnte das Lebenswasser die menschliche Traurigkeit vergessen lassen, und es machte „die Herzen froh und auch verwegen und kühn“. Es sind diese euphorisierenden Eigenschaften, die das Arzneimittel im Laufe eines Jahrhunderts allmählich zum Genussmittel „Branntwein“ gemacht haben. Branntwein wird nicht mehr tropfenweise getrunken, sondern pro „Tropfen“.

Ein Gläschen alter Klarer
Das „gemeine Volk“ produziert zunächst Bier und Met. Fast jeder Haushalt hatte einen eigenen Branntweinkessel. Am Ende des 16. Jahrhunderts wurde Getreidebranntwein so beliebt, dass nicht mehr schales Bier, sondern eine vergorene Getreidemaische aus Gerste, Roggen und Malz destilliert wurde. Dieser Getreidebranntwein wurde mitunter mit Wacholderbeere, Anis, Kümmel oder Fenchel aromatisiert. Bevorzugt wird die Wacholderbeere, da die Wacholdersträucher reichlich vorhanden waren und man von der Heilwirkung überzeugt war.

Befürworter und Gegner im 17. und 18. Jahrhundert


Brennen verboten
Im Jahre 1601 erließen die Erzherzöge Albrecht und Isabella per Anschlag ein Verbot der Produktion und des Verkaufs von Branntwein aus Getreide, Obst und Gemüse in den südlichen Niederlanden. Der Staat machte sich Sorgen über den übermäßigen Branntweinkonsum und fand, dass Getreide zum Backen von Brot und nicht zum Destillieren von Branntwein diente.

Hasselt kommt um das Verbot herum
In Hasselt, das bis 1795 nicht zu den südlichen Niederlanden, sondern zum Fürstbistum Lüttich gehörte, durfte weiterhin Branntwein oder Genever gebrannt werden. Die Geneverproduktion kam erst während der Besetzung der Stadt durch eine Holländische Garnison in der Zeit von 1675 bis 1681 gut in Schwung. Höchstwahrscheinlich ist es diesem holländischen Einfluss zuzuschreiben, dass der Hasselter Schnaps im Vergleich zu den anderen Genevern in Belgien mit zahlreichen Kräutern, Beeren und Samen aromatisiert wird.

Brennen wieder erlaubt
Unter der österreichischen Verwaltung (1713-1794) wurde das Brennen von Getreidebranntwein – außer bei Getreidemangel –  wieder zugelassen und sogar stimuliert. Es ging dem Staat dabei nicht sosehr um den Getreidebranntwein, sondern eher um die Schlempe. Die Schlempe ist der nicht flüchtige Reststoff, der als Viehfutter bei der Überwinterung des Viehs gebraucht wird.

Ungeahnte Blüte im 19. Jahrhundert.


Industrielle Revolution
Im 19. Jahrhundert erreichte die Belgische Geneverproduktion nie gekannte Höhen. Die Belgischen Brenner nahmen aktiv an der ersten industriellen Revolution teil. Sie realisierten eine erhebliche Rentabilitätserhöhung durch die Einführung von Dampfgeneratoren und Dampfmaschinen und die Nutzung der von Cellier-Blumenthal entwickelten Destilliersäule. So konnte auf einen kontinuierlichen Destillierprozess gewechselt werden.

Groß angelegte Produktion
Neue, billigere Rohstoffe wie z. B. Zuckerrüben, Zuckerrübenmelasse, Kartoffeln, Mais und Topinambur kamen auf. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts entstanden in den großen Städten Hefe- und Spirituswerke, die im großen Stil billigen, neutralen Alkohol produzierten.

Übermäßiger Konsum
Der billige Genever führte zu einem übermäßigen Konsum. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde in unserem Land nicht weniger als 9,5 Liter Genever (mit 50 % vol) pro Einwohner und pro Jahr getrunken! Unter dem Druck der Temperenzverbände griff der Staat ein: Die landwirtschaftlichen Brennereien verloren ihre günstige Akzisenregelung und mussten genau wie alle anderen Brennereien eine höhere Akzise bezahlen.

Untergang im 20. Jahrhundert


Landwirtschaftliche Brennereien verschwinden
Die Konkurrenz von billigem industriellem Alkohol und die Akzisenerhöhung waren für die landwirtschaftlichen Brennereien ein schwerer Schlag. Sie überlebten nur dank des Verkaufs von Vieh und Stallmist. Das Aufkommen des Kunstdüngers und die Konkurrenz der Landwirte, die sich stets mehr auf die Viehzucht konzentrierten, sorgten dafür, dass viele landwirtschaftliche Brennereien ihre Türen schlossen. Einige Brenner blieben jedoch in der Branche und wurden Likörbrenner: Sie kauften nun Alkohol, mit dem sie Genever und Liköre zubereiteten.

Vandervelde-Gesetz
Während des ersten Weltkriegs pfändeten die deutschen Besatzer die kupfernen Destillierbottiche und verwendeten das Kupfer zur Produktion von Munition. Nach dem Krieg gaben viele Brennereien auf.
Um die Katastrophe komplett zu machen, wurde 1919 das Vandervelde-Gesetz erlassen, das den Ausschank von Spirituosen an öffentlichen Orten verbot und den Spirituosenverkauf nur unter der Bedingung zuließ, dass zwei Liter auf einmal gekauft wurden. Für Arbeiter war dies jedoch unbezahlbar, und der Verkauf von Genever brach zusammen. Das war der Anfang eines allmählichen Niedergangs des Geneverkonsums.

Steigendes Interesse
In den letzten Jahrzehnten gewann der Genever dank des steigenden Interesses an Regionalprodukten und Obstgenevern wieder an Bedeutung. Auch die so genannten 'Druppelkoten' (Schnapskneipen), Geneverrouten, das Genevermuseum und die flämische Fernsehreihe 'De Smaak van De Keyser' tragen dazu bei.